Tuesday, June 05, 2012

Die Überschrift, die…


erst noch eine werden will.

"Schon wieder ein Blogeintrag?" mault das Lama von der anderen Seite des Küchentischs. "Die Abstände werden kürzer. Die Einschläge kommen näher!"

Ich tippe ungerührt weiter und frage: "Wieso schon wieder? Die Spurenbeseitigung ist schon fast wieder eine ganze Woche her!"

Das Lama setzt sich aufrecht in den Küchenstuhl und ahmt meine Tippbewegungen nach.

"Das macht acht Posts im Mai. Ich versuche ja nur, in der Reihe zu bleiben und die Gesamtzahl der Posts aus dem Vorjahr zu übertreffen", verkündet es hochnäsig.

"Du?" Ich hebe die Augenbraue. "An diesem Punkt waren wir schon einmal und wir waren uns einig, dass ein schwielensohliger Paarhufer wie Du keine PC-Tastatur betätigen kann. Es sei denn, Du engagierst wieder eine auszubeutende Assistentin oder vom Pech verfolgte Praktikantin, die dann noch dazu Deinen Mitbewohner fesselt und foltert."

Das Lama ist aufgestanden und hat den Stuhl auf den Küchentisch gestellt.

"Ich bevorzuge den Begriff Trainee. Praktikanten sind so was von 2011. Trainees sind up to date!"

Das Tier stellt einen zweiten Stuhl auf den Tisch neben den ersten, dann einen dritten oben auf die beiden anderen.

"Könntest Du kurz aufstehen?" raunt es mir zu. "Ich brauche den Stuhl, auf dem Du sitzt!"

Ich betrachte die kleine Stuhlpyramide vor mir misstrauisch. "Und wozu brauchst Du den Stuhl, wenn ich fragen darf?"

"Wozu brauchst Du ihn denn, Du Mensch?" kontert das Lama und verschwindet halb im Kühlschrank.

"Die Gespräche mit Dir werden von Tag zu Tag sinnloser." Ich schalte den Rechner aus.

"Könnte man auch von Deinen Blogeinträgen behaupten!"

Das Lama hat den Salatkopf im Gemüsefach entdeckt und bereits lautstark zu kauen begonnen.

"Hast Du denn gar nichts Interessantes, über das Du schreiben könntest?" schmatzt es undeutlich in meine Richtung. "Etwas, das die geballte Medienöffentlichkeit da draußen im Netz ausnahmsweise mal interessieren könnte? Kein interessantes Buch gelesen kürzlich? Keinen spannenden Film gesehen? Wie sieht es aus mit den Frauen in Deinem Leben, Bromford Bibble?"

Wenn dies handschriftliche Notizen wären, denke ich zerstreut, könnte ich spätestens jetzt meine eigene Klaue nicht mehr entziffern. Und wenn ich jetzt den Mund voll Wasser gehabt hätte, hätte ich es einmal quer durch die Küche gesprotzt.

"Mein kulturelles und privates Leben", seufze ich, "hat etwas gelitten, seit ich meine Zeit mit einem lockigen Flokati auf vier Beinen verbringe."

Das Lama zuckt mit den Schultern. "Auch gut! Wie Du meinst!"

Es steht jetzt in der Küchentür und grinst mich mit großen, gelben Zähnen an.

"Bock irgendwas vom Dach zu werfen, Alter?" fragt es. "Notizzettel mit kryptischen Botschaften, vielleicht? Halbe Busse? Oder wie wäre es mit Goldfischen?"

Müde schaue ich auf die Uhr und denke:

UND ES IST ERST DIENSTAG!

Wednesday, May 30, 2012

Spurenbeseitigung…


Wir sind im Keller, das Lama und ich, und beseitigen das Chaos, das wir vor zwei Wochen, aber vor allem das Tier in den letzten fünf Monaten da unten angerichtet hat. Gerade haben wir die Reihe von hängenden Glühbirnen im Gang ersetzt, die das Lama eine nach der anderen mit einer selbstgebauten Zwille und Kugeln aus getrockneten, alten Kaugummis zerschossen hat. Nun widmen wir uns schon seit einiger Zeit der Kellerparzelle, die zum Penthouse der Whitaker Lane 666 gehört.

Die riesigen Foto-Poster-Wände mit allen möglichen Sehenswürdigkeiten der Welt als Motiv sind größtenteils zerstört, das Hochglanzpapier zerrissen, die Holzrahmen gesplittert. Auf den ersten kann ich gerade noch den Fernsehturm und die Weltzeituhr am Berliner Alexanderplatz und die Kremlmauer nebst Basilika am Roten Platz in Moskau erkennen.

"Wie bist Du nur auf so eine Schnapsidee gekommen?" frage ich kopfschüttelnd. "Eine Weltreise vorzutäuschen und regelmäßig Postkarten zu schicken, und dabei die ganze Zeit in Wahrheit im eigenen Keller sitzen. Ts, ts, ts!"

"Weißt Du, Alter", plappert das Lama und wühlt dermaßen ungeschickt in den Trümmern seiner Fotoausrüstung, dass das Chaos nur noch größer wird, "wir zwei hatten unsere Differenzen zum Jahreswechsel. Und dann war da dieses Lied im Radio: Udo Lindenberg sang 'Ich war noch niemals in New York'. Da erwachte in mir das Fernweh!"

"Jürgens, Du meinst Jürgens", bemerke ich reflexartig.

"Jenny, die glücklose Schauspielerin, oder ihre Schwester Andrea, der singende Kinderstar? Wovon ist denn jetzt die Rede, Alter?" Das Lama knabbert gerade den ohnehin schon löchrigen Bezug von dem alten Sofa, das hier unten vor sich hin gammelt.

"Udo Jürgens hat das Lied gesungen, nicht Udo Lindenberg", versuche ich zu erklären.

"Und was haben jetzt der alte Mann und das Fagott mit der ganzen Sache zu tun?" meckert das Tier und trägt zwischen den Zähnen den zerstörten Scheinwerfer und das zerbrochene Kamerastativ auf einen Haufen mit Sperrmüll.

"Manchmal frage ich mich ernsthaft, woher Du all diese Leute und Sachen kennst", sage ich mehr zu mir selbst.

"Man könnte meinen, Du machst so was professionell", meint das Lama nach einer Weile, nach der man wenigstens halbwegs wieder den Kellerboden unter dem Unrat erkennen kann. "Bist Du von der SpuBe?"

"Von der was?" frage ich ahnungslos.

"Na, Du weißt schon, Alter. Diese Leute, die an einem Tatort die Spuren…"

"Du meinst die Leute von der Spurensicherung!?" unterbreche ich.

"Nein, wenn ich die Leute von der SpuSi gemeint hätte, dann hätte ich auch SpuSi gesagt, nicht SpuBe. Ich meine die Leute von der Spurenbeseitigung, Alter. Sag' es mir ehrlich, Bromford Bibble! Bist Du ein Tatortreiniger im wirklichen Leben? Oder ein Cleaner, so wie Dennis Hopper in Pulp Fiction?"

Auf so einen Schwachsinn will ich nicht antworten, kann ich nicht antworten. Unter den letzten Resten der Plakatwände ziehe ich eine Übersetzung von Herman Melvilles Roman Moby Dick hervor. Das erklärt zumindest die erste Postkarte, die mir das Lama am 11. Januar dieses Jahres geschrieben hat.

Aber ganz in der Ecke des Kellers kommt noch etwas zum Vorschein. Es ist die hintere Hälfte eines Busses ohne Räder, aber dafür komplett mit Sitzreihen und Mittelgang.

"Wie hast Du den denn hier reinbekommen?" frage ich erstaunt und völlig ratlos, wie wir den Schrott hier jemals wieder rausbekommen sollen.

"Weißt Du, Quiqueg, mein Heidenfreund, das Schabrackentapir aus Wanne-Eickel, und ich waren unterwegs mit dem Bus von Sydney, Australien, nach Los Angeles, Vereidigte Saaten von Amerika, als plötzlich nach einem elektromagnetischen Impuls irgendwo über dem Pazifik, vielleicht sogar über den Danger-Islands, die Navigationsgeräte ausgefallen sind und der Bus in der Mitte auseinander brach. Der vordere Teil des Busses landete am Strand dieser geheimnisvollen Insel, das Hinterteil auf der anderen Seite in der Pampa. Der Busfahrer wurde von einem Monster gefressen, das ein Sicherheitssystem und ein Typ in schwarzen Klamotten war. Und dann, als wir irgendwann mal vergessen hatten, unseren sechsstelligen PIN-Code in einen vorsintflutlichen Computer einzugeben, gab es eine zweite elektromagnetische Entladung und wir waren zuerst in BIELEFELD und schließlich hier im Keller in Bromford, der freundlichen Stadt am Meer, die heißt wie der Typ, der mich gerade am liebsten mit Blicken töten möchte."

"Ach, hör' doch auf mit Deinen Geschichten", winke ich entschieden ab. "Außerdem wiederholst Du Dich!"

"Das werde ich nicht tun!" verkündet das Lama stolz. "Und wenn Du ehrlich bist, willst Du es auch gar nicht anders haben!"

Mit diesen Worten hat es sich auf der letzten Bank im halben Bus zusammengerollt und ist innerhalb von wenigen Minuten tief und fest eingeschlafen.

Friday, May 25, 2012

Towel-Day…

An diesem Abend schrien die Katzen auf den Dächern dieser Stadt. Sie schrien laut und leidvoll, denn sie spürten den Schmerz, den man ihrem Artgenossen zugefügt hatte.

"Was tippst Du da eigentlich schon wieder?"

Das Lama frisst einen Apfel und lugt mir über die Schulter auf den PC-Bildschirm.

"Meinst Du nicht auch, dass man sagen könnte, dass Du hier im Grunde Deine eigenen Selbstgespräche aufschreibst?" mampft das Tier und spuckt den Apfelgriebs mit dem Stiel in die Ecke hinter das Sofa.

"Ich schreibe nur das Drehbuch zu meinem eigenen Leben. Lies es doch selbst", meine ich schulterzuckend und rücke etwas zur Seite, um den Blick auf den nächsten Teil des Textes freizugeben…

"1. Szene: Innen, Tohnzimmer", liest das Lama laut vor. "Erste Szene, innen, Tohnzimmer?" fragt es dann irritiert.

"Wohnzimmer!" reagiere ich genervt. "Ist ein Tippfehler. Das kann ja wohl mal vorkommen. Ich hab' ja nur zwei Finger!"

"Entschuldige!" murmelt das Lama und liest weiter. "Das Lama kommt rein und sagt: 'Guten Morgen'."

Ich spüre das Stirnrunzeln des Tieres förmlich in meinem Nacken.

"Ist doch alles in Ordnung", meint es noch mehr stirnrunzelnd.

"Aber außer Dir ist niemand weiter im Zimmer. Ich lasse Dich mit den Stühlen sprechen. Ach, das kriege ich im Leben niemals bis morgen fertig…"

"Irgendwie…", beginnt das Lama und hüpft über die Rückenlehne neben mich auf die Couch, "irgendwie fühle ich mich mal wieder total verALFt."

Die Lamanase ist direkt vor meiner Bromfordnase. Und der Apfel hat den Atem des Tieres auch nicht gerade frischer gemacht.

"Heute ist Towel-Day!" meine ich ungerührt und starre stur zurück. "Der Handtuch-Tag, Du weißt schon!"

Das Lama scheint mich hypnotisieren zu wollen, während es nebenbei nach der Tüte mit den Kartoffelchips neben dem Bildschirm angelt. "Eigentlich weiß ich nichts von einem Handtuch!"

"Na, das Handtuch, das Du immer dabei haben solltest, wenn Du Per Anhalter durch die Galaxis reisen möchtest."

"So, so!"

Die Chipstüte knistert verdächtig.

"Also werden die Vogonen demnächst den Planeten Erde in die Luft sprengen, um einer Hyperraum-Umgehungsstraße Platz zu machen?"

"Du hast es erfasst!" nicke ich ernst und ohne mit der Wimper zu zucken.

"Na, dann…", trällert das Tier und trabt mit meiner Chipstüte zwischen den Zähnen hinaus auf die Dachterrasse.